Link verschicken   Drucken
 

Intensivpädagogische Maßnahmen (IPM) am Standort Wiedemannstraße

1. Anlass und Begründung
Das Angebot der intensivpädagogischen Maßnahmen richtet sich an mehrfach benachteiligte Kinder und Jugendliche mit multiplen Entwicklungs-, Lern- und Verhaltenshemmnissen im Alter zwischen 13 und 17 Jahren (Jahrgänge 7 bis 10 Sekundarstufe I).

Im Förderzentrum MG-Süd nimmt der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung stetig zu, ein Teil dieser Schülerinnen und Schüler ist zudem gemäß § 15 AO-SF als schwerstbehindert anerkannt. Tagtäglich kommt es durch den vorgegebenen schulischen Rahmen zu Überforderungssituationen für diese Schülerinnen und Schüler, die meist zu massiven Unterrichtsstörungen für die Lerngruppen führen. Einige der Schülerinnen und Schüler entziehen sich der Situation durch Schulschwänzen. Die Elternhäuser sind meist nicht in der Lage, ihre Kinder angemessen zu unterstützen und den Alltag kindgerecht zu strukturieren.

Aufgrund von Traumatisierungen, Lern- und Konzentrationsschwächen, Entwicklungsverzögerungen und motorischer Unruhe haben diese Kinder sehr negative Erfahrungen in der Schule gemacht. Sie bringen dieser ein hohes Maß an Ablehnung entgegen und sind in schulischen und sozialen Situationen stark überfordert. Häufig ausschließlich auf sich selbst bezogen und noch nicht in der Lage, sich auf curriculare Lernprozesse einzulassen.

Der unbedingt notwendige Bedarf nach einer besonderen pädagogischen Zuwendung wird durch folgende Faktoren, oft in Kombination auftretend, bedingt:

 

  • Selbststeuerung nur bei ständiger, ungeteilter Aufmerksamkeit durch die Lehrkraft
  • seit erheblicher Zeit in sehr unsicheren und bedrohlichen Situationen lebend
  • massive erlebte Enttäuschungen und Entwertung
  • erhöhtes bis höchstes (Auto-) Aggressions- und Gewaltpotential
  • geringste Frustrationstoleranz
  • eingeschränkte Lernkompetenz
  • nicht altersadäquat entwickelte Selbstkompetenz
  • starke Vermeidungstendenzen
  • seelische Behinderung gemäß § 35a SGB VIII
  • Intelligenzminderung
  • mangelnde Empathie
2. Ziele

Die Jugendlichen und Kinder benötigen für ihr weiteres schulisches, persönliches und berufliches Vorankommen eine individuell abgestimmte sowie flexible Förderung.

 

Berufliche und schulische Ziele:

  • Positive Anbindung an Schule
  • Erfolgserlebnisse
  • Selbstwirksamkeit
  • Kompetenzentwicklung und Förderung
  • Vermittlung von Tagesstrukturierung
  • Förderung im lebenspraktischen Bereich
  • Motivation
  • Verantwortungsbewusstsein
  • Heranführung an das Lernen im Allgemeinen und an das System Schule im Besonderen
  • Erwerb bzw. Verbesserung von Lerntechniken
  • Förderung des schulischen Wissens
  • Heranführung an das Arbeitsleben
  • Entwicklung von Schlüsselqualifikationen
  • Erwerb erster berufsfachlicher Kenntnisse und Fertigkeiten
  • Erste (berufliche) Perspektiv- und Strategieplanung
  • Planung und Vermittlung von möglichen Anschlussmaßnahmen

 

Persönliche und soziale Ziele:

  • Empathie
  • Realitätsnahe Selbstwahrnehmung 
  • Emotionale Stabilisierung
  • Selbstvertrauen
  • Frustrationstoleranz
  • Konzentrationsfähigkeit
  • Durchhaltevermögen
  • Konfliktlösungsfähigkeit
  • Kritikfähigkeit 
  • Stressresistenz
  • Kommunikationskompetenzen 
  • Teamfähigkeit
  • Reflexionsfähigkeit
  • Affektkontrolle
3. Rahmenbedingungen

Organisation des standortinternen Zweigs der Intensivpädagogik

Die Maßnahme ist ausgelegt auf parallele Lerngruppen mit maximal 8 Schülerinnen und Schülern (der Jahrgänge 7 bis 10), die von Sonderpädagogen/ Sonder­pädagoginnen in übergreifenden Klein- und Kleinstgruppen unterrichtet werden.

Die Gruppen setzten sich dabei in Abhängigkeit von Lern- und Leistungsstand sowie individuellen Besonderheiten wechselnd zusammen. Überwiegend unterrichtet eine Lehrperson eine Kleinstgruppe, aber auch Team-Teaching-Einheiten in Mehrfachbesetzung finden Anwendung. 

Für diese Lerngruppen stehen mehrere Klassen- und Unterrichtsräume permanent zur Verfügung, die sich auf dem gleichen Flur in direkter Nachbarschaft befinden (Klassenräume, Werkraum, Multifunktionsraum, Diff-Raum, kleine Küche). Auf diesem Flur sind keine weiteren Klassen untergebracht, wodurch eine räumliche Trennung von den anderen Lerngruppen des Standortes gewährleistet ist.

 

Die Unterrichtsarbeit ist losgelöst von der Stundentafel der Oberstufe; berücksichtigt werden alle Kernfächer, ausgewählte Nebenfächer und zahlreiche projektorientierte Angebote, insbesondere: Spiel- und Bastelprojekte, Sport- und Bewegungsphasen, Exkurse zu Themen von aktuellem Interesse sowie gemeinsames Kochen und Essen.

Stunden- und Pausenzeiten sind identisch mit denen des restlichen Standortes. Eine Anforderungsanpassung über den Tag, von Haupt- zu Nebenfächern in den ersten Blöcken bis hin zu Projekten im Mittagsbereich, sind die angestrebte Norm.

 

Regeln und positive Verstärker

Die verbindlichen Schulregeln sind den Schülerinnen und Schülern bekannt und bilden die Grundlage des Miteinanders. Darüber hinaus werden ergänzende Klassenregeln gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern erarbeitet, besprochen und formuliert. Der Prozess, in dem die Regeln sowie die Konsequenzen bei Nichteinhaltung für die Klasse zusammen mit den Schülerinnen und Schülern festgelegt werden, fördert das soziale Miteinander. Die Regeln sollten möglichst positiv formuliert werden, um den Schülerinnen und Schülern aufzuzeigen, welches Verhalten sie zeigen sollen.

Durch ein für die Schülerinnen und Schüler transparentes Belohnungssystem bekommen die Schülerinnen und Schüler eine Rückmeldung über ihr Verhalten. Sie können durch Sammeln der Token vorher festgelegte Ziele erreichen. Die Schülerinnen und Schüler sollen lernen, dass sie gemeinsam etwas erreichen können und sich gegenseitig bei der Bewältigung einer Verhaltensänderung helfen können. Die Ziele werden in regelmäßigen Abständen überprüft und dementsprechend verändert.

Verstöße gegen die Klassenregeln werden über ein transparentes und kleinschrittiges Chancensystem an die Klassengemeinschaft zurückgemeldet. Rückkehrpläne bieten eine zusätzliche Chance, um Suspendierungen für den aktuellen Schultag zu vermeiden. Auch nach Schultagen, die durch Suspendierungen frühzeitig beendet werden mussten, besteht stets eine „Kultur der neuen Chancen“ am nächsten Schultag.

Regelmäßige Rückmeldungen an die Erziehungsberechtigten finden sowohl nach aktuellen Anlässen, als auch basierend auf individuellen Absprachen statt.

 

Suchtprävention

Suchtprävention ist ein wichtiger Bestandteil des Unterrichts und stärkt soziale Kompetenzen. Ein gutes Klassenklima ermöglicht es den Schülerinnen und Schülern, persönliche Sorgen und Ängste unbefangen zu äußern, um Hilfe zu bitten und sich beraten zu lassen. Gruppenprozesse fördern die Verantwortung füreinander und die Hilfsbereitschaft untereinander. Externe Experten werden regelmäßig eingeladen, um mit den Schülerinnen und Schülern zu diesem Themenfeld zu arbeiten.

 

Elternarbeit

Die sich in den Verhaltensauffälligkeiten von Schülerinnen und Schüler äußernden Probleme sind häufig verwurzelt im Selbstverständnis der Eltern. Persönliche und familiäre Problemlagen werden in das schulische Geschehen eingebracht. Wichtig ist für die Elternarbeit, eine beidseitige wertschätzende Grundhaltung. Es wird versucht, in Zusammenarbeit mit den Eltern, gemeinsam Erziehungsziele zu setzen und eine vertrauensvolle Basis zu schaffen. Elterngespräche finden zu festgelegten Zeitpunkten (Zeugnisausgabe und Förderplangespräche) sowie bei gegebenen Anlass statt und können in Notlagen auch spontan eingerichtet werden. Bei Bedarf sind Hausbesuche und tägliche Rückmeldungen z.B. via Mitteilungsheft oder telefonisch möglich.

 

Klassenleben

Nach dem Prinzip "Äußere Strukturierung dient als Hilfe für innere Strukturierung" ist der Stundenplan der Projektklassen so aufgebaut, dass es im Laufe der Woche und des Tages immer gleichbleibende Strukturen gibt. Durch immer wiederkehrende Unterrichtsaktivitäten innerhalb einer definierten Zeit lässt sich für die Schülerinnen und Schüler eine Vertrautheit mit der Situation herstellen. Der Grad der Steuerung durch die Lehrerinnen und Lehrer ist variabel. Die Lehrpersonen stehen den Schülerinnen und Schülern generell bei Gesprächsbedarf zur Verfügung. Den Schülerinnen und Schülern soll dieser Ablauf und diese Zuwendung Sicherheit über ihren Tagesablauf geben.

Organisatorische und persönliche Anliegen werden in einer Klassenstunde, einmal pro Woche und bei Bedarf sofort, besprochen. Wöchentlich wechselnde Klassendienste werden am Ende des Schultages erledigt.

 

Ausflüge

Spontane Ausflüge und außerunterrichtliche Aktivitäten werden als Belohnung, zur Förderung der Klassengemeinschaft sowie als Auszeit zur Entspannung eingesetzt. Größere Ausflüge und Aktivitäten erarbeiten sich die Schülerinnen und Schüler durch das Tokensystem.

4. Schulsozialarbeit

Die Schulsozialarbeit wird als ein zentrales Element zur Vermittlung von externen Hilfen an Eltern und Schülerinnen und Schüler verstanden. Auch als Unterstützung beim Kontaktaufbau mit Eltern und Erziehungsberechtigten ist Schulsozialarbeit eine wichtige Unterstützung. In diesem Rahmen können sowohl Beratungsgespräche, als auch Weitervermittlungen stattfinden. Des Weiteren ist die Schulsozialarbeit ein Unterstützungselement, um Schülerinnen und Schülern eine Alternative zum regulären Unterricht zu bieten. Dies kann erfolgen, wenn entweder intensivierter Gesprächsbedarf oder das Bedürfnis nach einer Auszeit besteht. Regelmäßige Aktivitäten, auch in Zusammenarbeit mit Lehrkräften und Schulsozialarbeit, werden individuell und in Abhängigkeit von aktuellen Umständen geplant und durchgeführt.

5. Evaluation

Evaluation wird im Rahmen der intensivpädagogischen Maßnahmen als ein lebendiger Prozess verstanden. Wöchentlich findet ein Treffen zwischen Klassenteams, Schulleitung und Schulsozialarbeit statt, bei dem aktuelle Ereignisse, Probleme und planerische Elemente besprochen und evaluiert werden. Zudem findet regelmäßiger Austausch zwischen Schule und Elternhaus statt. Im Rahmen der Förderplangespräche werden Entwicklungsziele mit den Schülerinnen und Schülern und Eltern vereinbart. Diese werden regelmäßig überprüft und gegebenenfalls angepasst.

6. Aussicht

Im aktuellen Schuljahr wurde wöchentlich im Klassenverband ein Fitnessstudio besucht, in dem die Schülerinnen und Schüler an Trainingskursen teilnehmen und unter Anleitung an Geräten trainieren konnten. Dieses Angebot wurde von vielen sehr positiv aufgenommen und stärkte den sozialen und emotionalen Zusammenhalt in der Gruppe.

Ähnliche Angeboten sollen daher, wenn möglich und finanzierbar, auch im kommenden Schuljahr durchgeführt werden.